Darf’s auch ein bisschen mehr sein? LEGO 60347 Supermarkt im Review

LEGO 60347 Supermarkt
Bildnachweis: Hintergrund von upklyak/freepik.com

Endlich gibt es wieder ein landwirtschaftliches Thema bei LEGO! Und weil Hofläden so 1989 sind, braucht es natürlich einen freundlichen, zentralen und modernen Supermarkt – zumindest für die verschiedenen pflanzlichen Erzeugnisse, denn die LEGO Tiere werden vor allem zur Düngergewinnung und Landschaftsverschönerung genutzt, fristen ansonsten aber ein friedliches Leben auf dem Bauernhof. Höchste Zeit, dass your girlfriend’s favorite Stadtkind sich mal die Gummistiefel anzieht und aus gebührender Entfernung Landluft schnuppert.

Das Set verspricht mit zwei Fahrzeugen, einer Laderampe und kistenweise minimalverarbeiteten Naturprodukten durchaus Spielspaß. Im Vorfeld wurde über die einmal mehr dachlose Konstruktion des Gebäudes und die Sinnhaftigkeit der obliagtorischen City-Straßenplatte debattiert – öffnen wir also jetzt mal den Karton und schauen rein, wieviel Bau- und vor allem Spielspaß uns erwartet. Wie immer habe ich dafür auch die kritischen, wenn auch unbezahlten Augen meiner siebenjährigen Tochter und die Zerstörungskraft meines zweieinhalbjährigen Sohnes in Anspruch genommen, zwecks knallharter Zielgruppenanalyse. Nun aber erst einmal zu den Zahlen und Fakten.

Set und Verfügbarkeit

Den LEGO 60347 City Supermarkt gibt es seit dem 1. Juni, wie viele andere Juni-Neuheiten auch, im freien Handel. Die Preisempfehlung von 59,99 Euro wird online seitdem regelmäßig um etwa 30 Prozent unterboten. Designt wurde das Set wahrscheinlich von James May, auf dessen Mitwirkung wie bei City üblich die Initialen „JM“ auf den Autokennzeichen hinweisen.

Alle Details im Überblick:

  • Setnummer: 60347
  • Name (englisch): Grocery Store
  • Name (deutsch): Supermarkt
  • Preis (UVP): 59,99 Euro
  • Anzahl Teile: 404
  • Preis pro Teil: 14,8 Cent
  • Gewicht (nur Teile): 501 Gramm
  • Preis pro Gramm: 12 Cent
  • Anzahl Sticker: 5
  • Anzahl Minifiguren: 5
  • Altersempfehlung: 6+

Kleine Supermarkt-Geschichte

Am Beginn einer Setvorstellung schaue ich manchmal ganz gern in die Geschichte zurück. Das ist beim Supermarkt auch durchaus lohnenswert, denn interessanterweise hatte LEGO bisher gar nicht so viele Lebensmittelläden im Programm. Die DUPLO-Sets (von 1980, 2008 und 2011) und den sagenumwobenen Green Grocer lasse ich an dieser Stelle mal beiseite, und dann landen wir auch schon im Jahr 2015 und dem Kwik-E-Mart, der sich aber auch weniger an ein kindliches Publikum gerichtet hat. Im selben Jahr bot LEGO aber noch zwei weitere Einkaufssets an: das 31036 Spielzeug- & Lebensmittelgeschäft in der Creator-Linie, dessen Ladenfläche mit 6×6 Noppen allerdings sehr überschaubar war, und der 10684 Supermarkt-Koffer der „Juniors“-Reihe, also vergleichbar mit heutigen 4+ Sets (25 Euro für 134 Teile). Als veritable Vorläufer des heute zu untersuchenden Sets kann man die beiden Friends-Inkarnationen 41118 Heartlake Supermarkt (2016) und 41362 Supermarkt von Heartlake City (2019) bezeichnen – letzteres führte auch den hier im City-Set auftauchenden (und seitdem nicht mehr verwendeten) Einkaufswagen in Bright Green ein.

Verpackung und Inhalt

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Der Setkarton misst etwa 48 x 28 x 6 cm und präsentiert alle enthaltenen Figuren vor der Fassade des Supermarkts, der in ländlicher Umgebung steht. Vater und Tochter haben den Einkaufswagen voll beladen, eine Gabelstaplerfahrerin liefert neue Produkte, eine Verkäuferin in Erbsenkostüm und der Ladenbesitzer „Mr. Produce“, der in der rechten unteren Kartonecke noch einmal separat erwähnt wird und sich nahtlos in die Reihe absurder City-Namen einreiht, verabschieden die Kundschaft. Rechts oben wird auch noch einmal die enthaltene Straßenplatte (im Plural) beworben.

Die Rückseite verweist wieder darauf, dass das Set auf den breiten Schultern der „beliebten Fernsehserie City Adventures“ steht, außerdem werden in comicartigen Boxen verschiedene Spielfunktionen demonstriert, den Rest der Rückseite nimmt passenderweise auch eine Rückenansicht des Supermarkts ein.

Wenn wir den üppigen Karton öffnen, ist aber auch erst einmal viel Luft zu sehen – mein beim Versand gut durchgeschüttelter Karton hatte den Inhalt auf die halbe Verpackungshöhe komprimiert, der Rest war gähnende Leere. So sehr ich den Wunsch nachvollziehen kann, dass ein 60-Euro-Set auch einen entsprechenden Fußabdruck im Regal vorweisen kann und es für die Verkaufsentscheidung hilfreich ist, dass das entstandene Set nahezu in Originalproportionen abgebildet ist – hier hat LEGO noch viel Einsparpotential, über das sich die informierten Käufer:innen wahrscheinlich weniger beschweren würden.

Der Karton enthält vier Tüten für die vier Bauschritte sowie eine unbeschriftete Tüte mit der Straßenplatte und den dazu nötigen Rampen. Es sind zwei (lose, unverpackte!) Anleitungen enthalten: Mit der einen baut man innerhalb eines Bauschritts die beiden Fahrzeuge auf, mit der zweiten wird dann in den restlichen drei Schritten das Gebäude hochgezogen. Ein kleiner Aufkleberzettel ist ebenfalls enthalten, abseits von den beiden Autokennzeichen enthält er einen durchaus entscheidenden Schriftzug und zwei Schilder.

Aufbau

Abschnitt 1

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Der erste Bauschritt widmet sich den beiden Fahrzeugen sowie einem Teil des Supermarkt-Teams: Mr. Produce ist mit von der Partie, ebenso die namentlich nicht näher genannte Staplerfahrerin mit Arbeitshandschuhen und Warnweste in Neongelb. Mit dem Gabelstapler und dem knuffigen Elektroauto lassen sich prima die Kinder ablenken, während man zum Bau des Gebäudes schreitet.

Es werden 44 Teile für den Gabelstapler verbaut. Für seinen „Hubmasten“ wird laut Design-ID ein neues Teil verwendet – ich sehe jedoch keinerlei Funktionsveränderungen zu dem 2013 eingeführten Ursprungsteil, und die dunkelgraue Gabel ist wiederum identisch mit der früherer Sets. Wie auch in anderen Sets mit diesem Fahrzeug ist an die Gabel ein Gummiband angebracht, das diese „automatisch“ nach oben zieht – zum Herunterfahren des Transportguts muss man dann etwas Kraft einsetzen. Zum Ausprobieren dieser Funktion bestücken wir in diesem Bauschritt auch schon eine Holzkiste mit zwei roten Kürbissen.

Das kleine rote E-Auto besteht nur aus 33 Teilen und bietet der einkaufenden Familie damit leider auch keinen Kofferraum (und auch keinen zweiten Sitzplatz), um die Einkäufe CO2-neutral nach Hause zu kutschieren; bei uns wurden allerdings sofort die beiden Noppen des Autodachs als perfekte Aufnahme einer Holzkiste ausgemacht, sodass einer Mister-Bean-mäßigen Heimfahrt nichts im Wege steht.

Ich habe für diesen Schritt gute sechs Minuten fürs Foto Teile sortiert („geknollt“) und dann etwa acht Minuten die Fahrzeuge zusammengesetzt.

Abschnitt 2

Olympus Digital Camera

Im zweiten Bauschritt setzen wir zuerst alle restlichen Figuren zusammen. Diese werden wir uns später noch einmal genauer anschauen, aber natürlich müssen wir auf die interessante Spezialprothese des Vaters hinweisen – und das Erbsenkostüm, das eine Mitarbeiterin oder studentische Hilfskraft tragen darf, um auf den Supermarkt hinzuweisen. Das zugehörige Schild wird mit einem Sticker gelöst, den ich euch später noch einmal zeige – natürlich mit dem obliagtorischen Erbsenwitz „Be Ha-Pea!“.

Danach entsteht bereits ein Großteil der Supermarkt-Einrichtung: Die mittlerweile übliche doppelflügelige, barrierearme Eingangstür und die Schaufenster bilden den äußeren Rahmen, dazu kommt die Kasse mit Frischfischtisch, einige Kisten mit Flaschen und Backwaren sowie das Anlieferungsförderband für die einfache Nachbestückung des Sortiments. Die entstehenden Gänge, durch die man den etwas überproportionierten Einkaufswagen (Banana for scale?) schieben kann, sind nicht übermäßig breit, aber genügen, um die Figuren im Raum frei zu positionieren.

In diesen Schritt habe ich acht Minuten ins Knolling gesteckt und dann etwa zehn Minuten gebaut.

Abschnitt 3

Olympus Digital Camera

In diesem dritten Bauabschnitt werden die Wände des Marktes fertiggestellt und gestaltet. Hier bleibt, abseits der Schaufenster, kaum eine Noppenbreite ungenutzt: Von innen gesehen links ist der schon genannte Zugang für die Staplergabel zu finden, der durch einen Streifenvorhang aus Technic-Balken abgetrennt wird. In der rechten Ecke neben dem Eingang wartet ein Pfandautomat, in den man Flaschen einschieben kann, sodass diese direkt in einer bereitgestellten Holzkiste im Außenbereich landen. Daneben befindet sich ein einfaches Verkaufsregal, das je zwei Orangensaft- und Milchkartons, Ketchupflaschen (?) und Honiggläser (?) enthält. Hier hätten allerdings noch ein paar bedruckte Fliesen geholfen, die Produkte noch erkennbarer zu machen, z.B. wie es dem Polybag 30416 Friends Marktbude gelingt, das ich weiter unten unter „Modifikationen“ noch einmal erwähnen werde. Dort wird auch das Verkaufsregal noch einmal eine Rolle spielen …

Hier habe ich neun Minuten geknollt und dann acht Minuten Lebenszeit ins Steineverbinden investiert.

Abschnitt 4

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Im letzten Schritt erhält der Supermarkt zwar kein Dach, aber doch einen Abschluss – das Gebäude wird oben von einem Steifen in Grün umschlossen, dazu kommt eine gebaute Riesenmöhre, hinter der dann ein Sticker (hier noch nicht verklebt) den Marktnamen herausposaunt. Zwei simple Lampen lassen auch die Betrachtung der Außenauslage zu, wenn die Tage wieder kürzer werden, für den Strombedarf scheinen vorbildlich zwei schmale Solaranlagen zu sorgen. Nicht fehlen darf natürlich die versiegelte Fläche, äh, der Parkplatz, der fast so viel Platz benötigt wie der Verkaufsraum.

An diesem Schritte habe ich weitere sechs Minuten herumgeknollt und die Teile dann in sieben Minuten zusammengesetzt.

Restliche und besondere Teile

Übrig bleiben einige unauffällige Teile; am interessantesten finde ich davon noch die bedruckte E-Auto-Fliese, mit der man weitere Fahrzeuge im Bestand oder vielleicht sogar den Gabelstapler leicht elektrifizieren kann.

Es gibt auch ein paar seltene Teile in dem Set, wenn auch sicher nichts Weltbewegendes:

  • 54669 Gabelstapler-Gabel, schwarz (exklusiv in diesem Set, aber wie oben erwähnt keine sichtbare Designänderung)
  • 14719 Eckfliese 2×2, Bright Green (in nur 1 weiteren Set, Minecraft 2021)
  • 87087 Stein mit seitlicher Noppe, Grün (in nur 1 weiteren Set, Super Mario 2022)
  • 49618 8er Slope, Grün (exklusiv)
  • 14716 Einer-Stein mit Dreier-Höhe, Lime (in nur 1 weiteren Set, Super Mario 2022)
  • 18653 Bogen invertiert, Lime (in nur 1 weiteren Set, Republic Gunship)
  • 24947 Rundstein invertiert, Orange (in nur 1 weiteren Set, Friends 2022)
  • 49649 Einkaufswagen, Orange (exklusiv)
  • 1411 Maiskolben (in nur 1 weiteren Set, City 2022)
  • 98351 Parkschild (exklusiv)
  • 3069bpb1035 Fliese mit Warnstreifen (in nur 1 weiteren Set, City 2022, plus alternatives Teil für zwei andere Sets)

 

Die Minifiguren

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Schauen wir uns nun noch einmal die Minifiguren genauer an.

Ganz links sehen wir Mr. Produce, den wir bereits von der Verpackung kennen. Er trägt eine Schürze mit dem Logo von „Fresh“, einer Marke, die wir etwas süffisant „Octan 2.0“ nennen könnten, weil wir sie in diversen Sets dieser Welle, teils mit aggressiver Werbung, wiederfinden werden. Die Schürze geht bis auf die (vorn) bedruckten Beine hinunter, Ober-, Unterkörper und Kopf sind in diesem Set exklusiv. Daneben steht auf meinem Foto die Gabelstaplerfahrerin – ihre Warnweste taucht in fünf weiteren Sets dieser City-Welle auf, Kopf und Kopfbedeckung stammen aus dem üblichen City-Repertoire der letzten zwei Jahre. Daneben steht die Dame im Erbsen-Kostüm (bekannt aus der Minifiguren-Sammelserie 20 vom vorletzten Jahr), zu ihr komme ich einen Absatz später nochmals. Nun aber zu einer meiner Lieblingsfiguren, die aufgrund ihrer dual-molded Beinprothese schon bei der Setvorstellung für Aufsehen gesorgt hat: Mit dem Familienvater wird hier wieder einmal eine behinderte Person ganz selbstverständlich und im Alltag stehend inkludiert. Die verwendete Spezialprothese, die man eher aus sportlichen Kontexten kennt, ist zwar eher unüblich, aber im Maßstab womöglich erkennbarer umsetzbar. Die Prothese ist, abseits von der Gegennoppe an der Unterseite, übrigens nicht im System, kann also z.B. keine Stange festhalten. Nicht nur die Beine, auch der Oberkörper sind aktuell exklusiv in diesem Set. Zuletzt finden wir das Mädchen unter den Figuren, vielleicht die Tochter des jungen Mannes im gelben Hemd. An ihr sind kaum besondere Bestandteile zu finden, höchstens der Oberkörper, der nur in einem weiteren (Feuerwehr-)Set der aktuellen City-Welle zu finden ist. Sie besitzt nur die ganz kurzen, nicht klappbaren Beine, was den Spielfunktionen im Set aber keinen Abbruch tut.

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Werfen wir doch jetzt noch einmal einen Blick unter die Schote. Die Werbeplattform auf zwei Beinen trägt unter dem Kostüm einen beidseitig bedruckten, allerdings wohlbekannten Torso, der es seit 2015 schon in 19 andere Sets aller denkbaren Themenwelten geschafft hat.

Das fertige Set

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Werfen wir nun einen ersten Blick auf das Bauergebnis. Insgesamt habe ich, vor allem für die Fotos, eine gute halbe Stunde Teile ordentlich hinsortiert, danach habe ich als Erwachsener die vier Bauschritte in genau 33 Minuten absolviert, natürlich mit Hilfe der Vorsortierung und ohne kindliche Störungen. Ich denke, dass ein Kind im Zielgruppenalter zwischen 45 und 60 Minuten am Set basteln wird, je nach Vorerfahrung.

Von den Abmessungen können wir festhalten, dass das Set an der höchsten Stelle 11 Zentimeter hoch und 13 cm tief ist, das Gebäude ist 19 Zentimeter breit, mit dem Parkplatz ist der ganze Komplex 35,5 Zentimeter breit.

Im folgenden Slider könnt ihr das Set mit und ohne verklebte Sticker vergleichen. Entscheidend ist hier sicherlich das große „Fresh“-Schild, dessen Kontur sinnvollerweise entlang der Schriftform vorgestanzt ist, sodass es sich sehr unauffällig an den Stein schmiegt. Die Farbähnlichkeit gerade zwischen dem gedruckten Grün und dem der Steine ist auch erfreulicherweise hoch. Das „Open“-Schild am Eingang, das den (dauer?-)geöffneten Laden anzeigt, und die Autokennzeichen sind sinnvoll und üblich. Vom etwas kalauernden „Be Ha-Pea!“-Werbeschild bin ich dagegen weniger Fan.

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Wenn wir uns außen noch einmal umsehen, gefällt mir die Vielzahl der verwendeten Kisten in Kombination mit dem Gabelstapler. Zusammen mit der Minifiguren-Auswahl ergeben sich hier viele schöne Spielmöglichkeiten durch das Umladen der Waren, das Einladen in den Einkaufswagen und die Bezahlung an der Kasse. Die Figurenmischung aus Kundschaft, Personal und Hintergrund-Logistik lädt zum Interagieren ein – bis man an das Mini-Auto kommt und sich fragt, wie man den Einkauf denn nach Hause bekommen soll, aber das kennt man ja … Insofern hätte ich mir hier statt des E-Autos (warum bietet der Supermarkt eigentlich keine Ladesäule an?) auch ein Lastenrad vorstellen können, selbst wenn das freilich den Straßenplatten-Parkplatz obsolet gemacht hätte. Und wie Benjamin Franklin schon sagte: „Nichts auf Erden ist uns sicher – außer dem Tod, der Steuer und den City-Straßenplatten.“

Ansonsten sagen mir das Farbschema und der aktuelle City-typische, moderne Baustil mit viel Glas zu, der vorgesetzte Eingangsbereich sorgt für optische Abwechslung. Interessant ist die fast vollständige Abwesenheit von Noppen in dieser Vorderansicht, die die Einzelnoppe auf dem „Fresh“-Schild-Slope wie eine Plastikpustel wirken lässt. In dem Zusammenhang zitiere ich auch gern Jonas im „Quatschen und Bauen“-Stream nach der Setvorstellung, der das Modell scherzhaft als „Playmobil-Set“ bezeichnete. Vor allem im Außenbereich mit den vielen Obst- und Gemüse-Accessoires, die lose in Kisten liegen, kann ich die Stichelei nachvollziehen, in der Tat purzeln diese Teile gern aus dem Marktstand und dem Einkaufswagen heraus sowie auf dem Boden herum. Besondere Übeltäter sind dabei die verpackten Blumensträuße rechts vom Eingang, deren Bauweise mit Eiswaffeln gelungen ist, und auch ihre schräge Stellung in den Eimern ist realistisch – während man aber damit spielt, sollte man die Tischkante in angemessener Beiß-Entfernung belassen, so oft kippen die Blumensträuße aus den viel zu flachen Töpfen.

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Etwas geordneter geht es im Laden selbst zu. Baguettes und Croissants stehen bzw. liegen bereit, ein Getränkesortiment in Flaschen ist ordentlich angenoppt, und im Verkaufsregal stehen verschiedene Produkte (wenn auch in Mengen, wie man sie aus der Realität eher bei Toilettenpapier, Sonnenblumenöl und Mehl kennt) unverrückbar bereit. Das Regal ist allerdings nur etwas für „so kleine Hände, winzge Finger dran“ – Erwachsenenhände dürfen hier nicht reinfassen, die zerbrechen dann. So sehr habe ich darunter gelitten, dass ich nicht nur Bettina Wegner gesungen, sondern sogar das Regal umgebaut habe, davon aber später mehr.

Wie schon beim Bau festgestellt, haben die Minifiguren im Inneren genügend Raum, um durch die Gänge zu fahren oder posiert zu werden. Die „Durchreiche“ für den Gabelstapler ist eine gelungene Verbindung von Einkaufserlebnis und Logistik. Simpel, aber effektiv ist der Getränke-Pfandautomat, durch den leere Flaschen direkt in einer Kiste im Außenbereich gesammelt, durch kindliche Fantasie aufgefüllt und sofort wieder geliefert werden können. Auf Twitter hat der Setdesigner übrigens darauf hingewiesen, dass dieser Automat allein durch seine Existenz das Set eindrücklich als dänisches Produkt ausweist.

Im Vorfeld gab es einige Stimmen, die sich über das fehlende Dach beschwert haben. Ich vermisse es tatsächlich nicht, weil das Set von außen durch den grünen „Kragen“ sehr abgeschlossen wirkt und ich im Inneren froh bin, dass die Kinder oder ich alles gut erreichen können. Viel mehr freue ich mich über die angemessene Spieltiefe von 12 Noppen.

Die beiden Fahrzeuge haben in unserem Kinderhaushalt für erwartbar viel „Brummbrumm“ gesorgt, bekommen aber Abzüge in der B-Note, vor allem im Punkt Geschwistertauglichkeit: Für kleinere Kinder ist zumindest der Gabelstapler mit den an zu wenigen Noppen befestigten Kotflügel-Teilen, dem ohne weitere Stabilisierung angebauten Hubmasten (der im Spiel doch ordentlich Hebelkraft entwickelt) und die nur in eine Hohlnoppe aufgesteckte Signalleuchte definitiv nicht zerstörungssicher und vielleicht auch für grobmotorischere Sechsjährige ein potentieller Frustmoment. Das Gummi als „Gabelautomatik“ kannte ich, obwohl schon länger verwendet, noch nicht, hier braucht ein Kind aber doch ordentlich und gerichtete Kraft, um die Gabel kurzzeitig nach unten zu bringen. An dieser Stelle hätte ich mir, da es ohnehin ein Spezialteil ist, auch durchaus ein Ratschensystem vorstellen können, mit dem man die Höhe beliebig einstellen kann und die Gabel dann selbständig hält – zumal die Gewichtsbelastung minimal ist.

Modifikationen

Selbstverständlich sollte ein LEGO Set in sich abgeschlossen sein. Manchmal gibt es aber kleinere Veränderungen, auf die man im Bauprozess stößt und die den eigenen Spielanforderungen entgegenkommen. Ich habe mich nach einigem Speedshopping der Kinder wie berichtet mit dem Befüllen der Verkaufsregale schwer getan, weil die Fächer klein sind und man die, teils eher spitz zulaufenden, Produkte nur schwer um die Ecke wieder auf die Noppen bekommt. Deshalb habe ich mich entschieden, das Regal herausnehmbar zu gestalten, indem ich eine Lage Fliesen unter das Regal gebaut habe, sodass es problemlos herausgleiten kann. Dafür musste ich allerdings das Gebäude um eine Plattenhöhe nach oben erweitern, was mir angesichts einiger limefarbener Teile im Eigenvorrat nicht schwer fiel und was auch farblich überzeugend wirkt. Damit steht den freudvollen Nachlegen von Produkten nun nichts mehr im Wege.

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Im Übrigen lässt sich der Supermarkt, vor allem in seiner Produktauswahl, ganz geschickt mit dem Polybag 30416 Friends Marktbude erweitern – denn dessen Produktfotos zeigen leider kaum, dass hier sehr nette 1×1 Fliesen enthalten sind: 4x mit „Waffelaufdruck“, der sich auch sehr gut für textilbedeckte Marmeladenglasdeckel verwenden lässt, 2x mit Erdbeermotiv für weitere Marmeladen und 3x mit Bienenaufdruck für Honiggläser – dazu Äpfel, Trauben und Chilis.

Und weniger als Modifikation denn als Ergänzung kann man sicher den neuen 60345 Gemüse-Lieferwagen nutzen, dessen mitgelieferte Kisten und Waren sich gut mit dem vorliegenden Set kombinieren lassen; durch das integrierte Feld könnte man sogar „Farm to Table“ nachspielen.

Fazit

Mir gefällt das Set – das Spielkonzept ist durchdacht, der Aufbau ist für die Zielgruppe geeignet, das entstehende Set hat eine gute, kompakte Größe, und die Minifiguren finde ich sehr gelungen. Negativ finde ich nur die etwas wackligen Accessoires, das schlicht nicht für den Einkaufstransport (und die vorhandene zweiköpfige Familie!) geeignete Miniauto – und wie so oft bei LEGO und speziell City der Preis. Egal, ob wir es im neuen oder alten Preisgefüge betrachten: 60 Euro sind dafür, was am Ende auf dem Kinderzimmerboden steht, einfach zu viel Geld. Trotz einiger großer Teile und Schaufensterscheiben ist auch die umbaute Luft eher gering – und die sicherlich für den hohen Preis mitverantwortliche Straßenplatte wird Opfer des Knubbelautos und dessen zu geringem Spielwert. Da hilft es auch wenig, dass das Set mit den üblichen hohen Rabatten in annehmbare Preisregionen wandert – im Zweifel auf Kosten kleinerer und mittlerer Händlerinnen und Händler. Insofern würde ich als Antwort auf meinen Artikeltitel sagen: Ja, es dürfte ein bisschen mehr im Set sein – oder besser noch ein bisschen weniger auf dem Kassenzettel.

Von diesem Wermutstropfen abgesehen, freue ich mich sehr über die Rückkehr eines landwirtschaftlichen Themas in die City-Welt, abseits von dem ein oder anderen versprengten Traktor. Endlich gibt es nun einen City-Supermarkt, der das Thema „Bauernhof“ sinnvoll erweitert und vielleicht auch zum kindlichen Erkunden von Wirtschaftszusammenhängen dienen kann – denn dass die Lebensmittel auf der Supermarkt-Auslage irgendwo herkommen und Milchkartons nicht an lila Bäumen wachsen, ist nicht zuletzt für manches Stadtkind eine spannende Erkenntnis.

Nun aber zu euch: Wie gefällt euch der Supermarkt? Habt ihr ihn schon gekauft oder habe ich eurer Entscheidung in die eine oder andere Richtung den Ausschlag geben können? Wie schaut ihr auf die aktuelle Bauernhof-Welle bei City, und was sagen vielleicht eure (oder ausgeliehene) Kinder dazu? Wir sehen uns in den Kommentaren!

 

Über David 13 Artikel
Mitte 30, arbeitet in einer bayerischen Kulturinstitution und erkundet mit zwei Kindern die Welt. Hat 2016 durch DUPLO zurück zu LEGO gefunden und 2019 StoneWars entdeckt. Nun baut er die Blauröcke-Festungen und Piraten-Schlupfwinkel, von denen er als Kind geträumt hat.
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