Ein „richtiger“ Bahnhof für die LEGO City? Set 4554 als modernes MOC

LEGO Bahnhof Moc City 4554 Neu Titelbild
Bildnachweis: Hintergrund von upklyak/freepik.com

Was macht einen guten Bahnhof für LEGO City aus? Die Bespielbarkeit, die Anzahl der Gleise, die altehrwürdige Architektur? Ich möchte euch heute ein MOC vorstellen, das in meiner bescheidenen Bahnhofsammlung ganz weit oben rangiert – und zugleich eine Neuinterpretation eines 30 Jahre alten Sets darstellt.

Als der im Juni erscheinende City-Bahnhof bei uns vorgestellt wurde, entspannen sich in den Kommentaren sehr interessante Diskussionen darüber, was wir als AFOLs, aber vielleicht auch als City-Käufer, als Mütter und Väter von einem guten Bahnhof erwarten, welche Fahrzeuge, Spielfunktionen und wieviel fürs Auge es braucht. Auch Lukas und Jonas haben in einem „Quatschen und Bauen“-Stream (ab Minute 10:25) spannende Argumente dazu ausgetauscht.

Als mir vor mittlerweile anderthalb Jahren ein MOC vor die Flinte kam, das ein eher klassisches Bahnhofsgebäude zeigte und sich als moderne Neuinterpretation des 4554 Großen Stadtbahnhofs herausstellte, war ich schockverliebt. Zudem war die Anleitung des luxemburgischen LEGO Bauers legolux1973 kostenlos – und auf hohem Niveau, wie sich herausstellte. Als überzeugter Bahnfahrer und zeitgleich Besitzer einiger LEGO Züge, Schienen und Kinder war für mich klar: Das muss ich bauen. Und seitdem ist unser Wohnzimmer regelmäßig Schauplatz einer großen Zugstrecke, auf der die Züge eine sommerliche Variante des Winterlichen Bahnhofs, eine mehrgleisige Version vom Gleis 9 ¾ und eben diesen klassizistischen Bahnhof anfahren können.

Schauen wir uns das MOC und seine Inspirationsquellen doch einmal genauer an.

Das originale LEGO Set

Der 4554 Große Stadtbahnhof erschien im Jahr 1991 als Teil der 9-Volt-Eisenbahnlinie. Entworfen wurde das Set von Claes Runo Järnros sowie von Torben Plagborg – der in den 80er Jahren für die damalige Town-Reihe Sets entwickelte und wohl maßgeblich an den 9-Volt-Zügen beteiligt war, außerdem wird er als Erfinder der Grill-Platte (2412), des geriffelten 1×2 Steins (2877) und der 2×2 Eckplatte (2420) bzw. des ensprechenden Ecksteins (2357) gehandelt.

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Doppelseite aus dem deutschen Katalog 1991

Die 9-Volt-Reihe ging 1991 mit einem großen Set-Aufschlag an den Start: Ganze 12 verschiedene Modelle von Gleisen und Weichen über mehrere (!) Loks, Züge und Einzelwaggons (!!) bis hin zu Bahnübergängen und dem Bahnhof wurden zeitgleich in die Regale gebracht – für die Jüngeren unter uns könnte man sagen, die Züge waren das VIDIYO der Neunziger Jahre. Bei der Recherche zu diesem Artikel habe ich (digital) auch wieder im 1991er und -92er Katalog geblättert und festgestellt, dass ich die meisten Seiten immer noch herbeten kann, so viele Stunden scheine ich sie als Sechsjähriger durchgeblättert zu haben. Die Setpreise in Deutscher Mark konnte ich leider nicht mehr herausfinden; die Dollarpreise der Reihe lagen allerdings zwischen $10 und damals schon stolzen $150. Ich erinnere mich gut, dass bei uns für das teure 9-Volt-System kein Geld da war – einzig den kleinen 4525 Reparaturbagger von 1994 habe ich noch bei mir in der Sammlung. Apropos: Der Große Stadtbahnhof war, zusammen mit einigen Sets der ersten Stunde, noch bis 1994 im deutschen Katalog zu finden.

Interessant finde ich immer noch die gewählte Ästhetik, die das gesamte Eisenbahnkonzept in eine fast postapokalyptische Mondlandschaft einbettet – alle Modelle werden auf blau schimmerndem Stein abgebildet und befinden sich direkt am gelb leuchtenden Schlund eines Berges, in den die Schienen hineinführen. Und da soll noch mal jemand sagen, heute wäre Zugfahren gruselig …

Bahnhof Moc 4554 2

Wenden wir uns nun aber dem Bahnhof zu, mit 600 Teilen dem zweitgrößten Set der 1991er Reihe. Für 72 US-Dollar erhielt man laut Katalog eine „Wartehalle, Fahrkartenschalter, Telefonzelle, Bahnsteig, Gepäckkarren, Fahrgäst[e] und Personal“ – die acht enthaltenen Minifiguren stellten tatsächlich zwei Eisenbahner:innen, einen Ingenieur, einen Koch und 3 Passagier:innen dar. Das Hauptgebäude wurde in der Anleitung flockig in 25 Bauschritten aufgebaut, neben einigen bedruckten Steinen (Telefon, Uhr, Briefkasten, Konsolen usw.) kamen auch zwölf transparente Aufkleber zum Einsatz – zuvorderst mit dem klassischen Eisenbahn-Logo sowie für Schilder, aber sie enthielten auch zweimal das klassische Brief-Motiv, mit dem man neben den bedruckten 1×2 Brief-Fliesen auch zwei gelbe 1×2 Steine in Pakete verwandeln konnte.

Der Bahnsteig bestand aus vier großen, 2 1/3 hohen Elementen, die sogar noch bis 2003 in der LEGO City eingesetzt wurden; das Gebäude wurde dann in simpler und doch effektiver Bauweise hochgezogen. Das Farbschema ist einfach: Grau für den Bahnsteig, Gelb für das Gebäude, die Innenausstattung war großteils rot, das Dach schwarz. Das Ende der Anleitung zeigt einige Spielvorschläge: Ein Gepäcktransporter flitzte über den Bahnsteig, oben im Stellwerk konnte auf Knöpfe gedrückt und Fahrkartengeld gezählt werden, ein Briefkasten stand für einen letzten Gruß vor der Fahrt in die glühende Höhle bereit, eine Bank lud zum Sitzen ein und eine Sackkarre konnte Gepäck verladen, wenn der kleine rote Transporter mal wieder in der Werkstatt stand.

Bahnhof Moc 4554

Am Ende steht ein erstaunlich substantielles Empfangsgebäude vor uns, das immerhin 26 cm hoch, 51 cm breit und 21 cm tief ist und mit wenigen Standardteilen – hier bringen vor allem Cones, 1×1 Rundplatten und 2×2 Rundsteine etwas Abwechslung in die ansonsten kantige Form – einen altehrwürdigen Bahnhof mit zwei Seiten- und einem Hauptflügel im klassizistischen Stil aufs Wesentliche reduziert. Die Spieltiefe im Inneren beträgt fünf Noppen.

Übrigens: Ja, das baugleiche Gebäude gab es im Jahr 1996 noch einmal als 2150 Bahnhof – dann in Rot mit schwarzem Dach und hellgrauen Akzenten sowie veränderten Minifiguren – als eine Art limitiertes Re-Release. In den deutschen Katalogen sucht man das Set allerdings vergeblich.

2150 Bahnhof

Das MOC

Werfen wir nun einen Blick auf das fast dreißig Jahre später entworfene MOC – am besten natürlich mit Hilfe eines unserer geliebten Slider. Da ich den Bahnhof aus den Neunzigern nicht besitze und das MOC zuerst in Stud.io gebaut habe, nutze ich für diesen Vergleich Renderings.

Bahnhof Moc Vergleich2Bahnhof Moc Vergleich1

Dabei fällt auf, dass sich der neue Entwurf stellenweise noppengenau am Original orientiert – und anders als beispielsweise die von mir nachgebaute Blockröcke-Festung führt hier der neue und detailliertere Nachbau nicht zu einer massiven Vergrößerung im Vergleich zum Originalset. Stattdessen sind beide Modelle nahezu gleich groß – auch wenn das MOC fast die dreifache Teileanzahl enthält.

Bahnhof Moc Anleitung

Wir sehen schon von außen zahlreiche Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede: Die Erhöhung des Bahnsteigs kann man in beiden Modellen mit einer breiten Rampe überwinden, eine Bank lädt zum Warten auf die nächste Verbindung ein. Der Kiosk hat sich im MOC allerdings vergrößert und hat jetzt mehr Platz, um Reiseproviant zu verkaufen, dafür wurde der Fahrkartenschalter durch einen Automaten ersetzt. Einen Briefkasten und zwei Straßenlaternen sowie die dreiflügelige Gebäudestruktur gibt es in beiden Varianten, außerdem flitzt hier wie dort ein Gepäckshuttle herum. Offensichtlich ist die Fassade in Tan realistischer, auch sorgen Spezialteile wie der 1×1 Stein mit herausragendem Kapitellchen, Käseecken, Mauersteine, geriffelte 2×2 Rundsteine und seitlich angebrachte Fliesen als Backsteinoptik für optische Abwechslung.

Das Innere, das wir uns gleich auch noch genauer ansehen werden, ist sehr ähnlich eingerichtet: Neben dem erwähnten Kiosk, der über Schubladen, Kühlbereiche und eine große Espressomaschine verfügt, gibt es auch hier einen überdachten Wartebereich und ein sehr heimelig ausgestattetes Stellwerk mit Aktenschränken, Schreibtisch, Computer und Telefon. Unter den Dächern überwintert eine Spinne – und verblüffenderweise einige Geldscheine. Alle Innenräume sind gefliest. Im Erdgeschoss beträgt die Spieltiefe wie im Vorbild fünf Noppen, im oberen Stockwerke immerhin sieben Noppen.

Bevor wir uns dem Aufbau widmen, hier noch einmal ein paar harte Fakten zum MOC:

  • Name des MOCs: 4554 Central Station Revisited
  • Designer: legolux1973
  • Baudatum: 2020
  • Anzahl Teile: 1583
  • Preis (Anleitung): kostenfrei
  • Preis (Teile): ca. 200 €
  • Preis/Teil: 12,6 Cent
  • Maße (H x B x T): 23,5 cm x 53,2 cm x 24 cm
  • Gewicht: ca. 1400 g

Der Aufbau

Schauen wir jetzt aber mal ins aufgebaute Modell – und auf den Bauvorgang an sich.

Zuerst muss man sagen: Die Anleitung ist fantastisch. Während ich mich schon über manch undurchsichtige MOC-Bauanleitung geärgert habe, war der Aufbau des Bahnhofes ein Spaziergang. Die Teile sind klar ersichtlich, kleine Zwischenbauten werden in klassischen „Call-outs“ herausgelöst und die Bauschritte gehen nicht zu kleinschrittig voran, sondern genau in dem Maße, wie man die Änderungen von einem Schritt zum nächsten noch überblicken kann. 227 Einzelschritte auf etwa 100 PDF-Seiten sind es (der Rest geht für etwas Eigenwerbung der Ideas-Projekte des Designers sowie die Teileübersicht drauf). Für eine bezahlte Anleitung wäre das ein hohes Niveau gewesen, aber für eine kostenlose? Chapeau!

Der gesamte Bau ist grundsolide und hält auch kindlicher Bespielung Stand. Die Bahnsteigrampe besteht großenteils aus 6×6 Fliesen, die an Hinge Bricks befestigt sind. Praktisch für den Auf- und Abbau ist, dass die Rampen mit Technic-Pins verbunden sind – so passt der Bahnhof auch aufgebaut gut in meine Ikea-Kisten und nur die extrem stabile Hauptkonstruktion bleibt zusammen, die aus einer bombenfesten Kombination aus langen Steinen und Platten besteht. Darin kann man übrigens sehr gut bunte Steine verstecken …

Bahnhof Moc 29

Stückweise ziehen wir das Gebäude nach oben. Die Unterkonstruktion wird mit dunkelgrauen 6×10 Platten bedeckt und dann gefliest. Zu meinen Anpassungen über die Anleitung hinaus schreibe ich in einem späteren Abschnitt dieser Review noch etwas.

Um dem Gebäude etwas Charakter zu geben, hat der MOC-Bauer mit verschiedenen Texturen gearbeitet: Die Backstein-Ästhetik wird mit der bewährten Technik von Steinen mit seitlicher Noppe und angebrachten Fliesen bedient; außerdem wird (wie im Original) mit Rundplatten, aber auch neueren Steinen gearbeitet, darunter den geriffelten 2×2 Rundsteinen, den Steinen mit herausragendem Kapitellchen (Brick, Modified 1 x 1 with Scroll with Hollow Stud) und den Speichenfenstern.

In den Bögen unterhalb der Bahnsteigkante hat sich einiges an Dreck und Müll gesammelt; auch hier brechen ein paar Mauersteine die glatte Optik auf. Im Inneren des Bahnhofs bauen wir auch schon einen Wartebereich und den Kiosk auf, die wir uns aber später noch einmal genauer ansehen.
Bahnhof Moc 27

Anschließend werden die Dächer der Seitenflügel aufgesetzt (hierunter versteckt sich allerlei Krimskrams und Getier) und der Hauptflügel gebaut, der den Einsatzort des Fahrdienstleiters beinhaltet. Auch hier schauen wir nach dem Zusammensetzen des gesamten Gebäudes noch einmal hinein.

Ich mag auch in offiziellen Sets (oder z.B. Jonas‘ Zimmer-Bauinspirationen) immer das Bauen kleiner Geräte oder Alltagsgegenstände, und so habe ich auch hier den Fahrkarten- oder auch den Kaffee-Vollautomaten mit Freude aus wenigen Teilen zusammengesetzt.

 

Meines Erachtens spricht auch für die Qualität der Anleitung, dass keine nicht-existenten oder unnötig teuren Spezialteile verbaut sind – eine häufige Gefahr beim digitalen Bauen, wo ein obskurer 5×5 Dish im Bauprogramm genauso leicht erreichbar ist wie ein 2×2 Stein. Die teuersten Teile dieses MOCs sind:

  • 3960pb024 4×4 Dish mit Uhrendruck (nur in 2 Sets, zuletzt 2016) – ließe sich auch mit anderen, neueren Uhrendrucken ersetzen
  • 4719c02 Fahrrad in Medium Azure ist nicht wirklich selten, hat nur einen relativ hohen Durchschnittspreis bei BrickLink
  • 53401 Gerade Schienen sind generell beliebt und deshalb nicht ganz günstig

Von den restlichen verbauten Steinen liegen selbst die teuersten im Durchschnittspreis kaum über einem Euro – wie ihr aber am Gesamtpreis der benötigten Steine in Höhe von etwa 200 Euro seht, macht aber bei der verbauten Steineanzahl auch Kleinvieh Mist.

Vielleicht noch ein Wort zu meiner Baustrategie dieser MOCs: Ich mache es üblicherweise so, dass ich mir die Teileliste für das beabsichtigte Modell ausdrucke und dann durch meine in Stanley-Aufbewahrungsboxen sortierten Steine gehe. Alle bei mir verfügbaren Teile werfe ich in eine Sammelkiste (ich mache mir bei Projekten dieser Größe nicht die Mühe, die ausgesuchten Teile noch einmal zu sortieren, und ich mag persönlich auch das Wühlen durch ein paar hundert Steine beim Bauen), fehlende Steine und Teilmengen notiere ich mir auf dem Ausdruck und veranlasse darüber dann meine BrickLink-Bestellungen. Die von den Händler:innen gelieferten Teile werfe ich, weil ich meistens nur an einem Modell gleichzeitig arbeite, dann direkt in die entsprechende Baukiste.

Das fertige MOC

Bahnhof Moc 10

Schauen wir jetzt noch einmal in das fertig gebaute und bevölkerte MOC hinein. Der Kiosk ist besetzt und erfreut sich guter Nachfrage, der Bahnsteig ist voller Reiselustiger, ein Zug fährt ein, das Gepäckauto gibt Gas. Die Gleise lassen sich übrigens (anders als z.B. beim Bahnsteig des Hogwarts Express) ab Werk unproblematisch mit dem Gleisbett verbinden.

Bahnhof Moc 15

Die Konstruktion des Gepäckwagens hat mich an meine ersten City-Fahrzeuge denken und in Erinnerung schwelgen lassen. Das liegt vielleicht auch an der Fahrzeugbasis, die sich seit 1987 und auch heute noch in Sets finden lässt – vor allem dann, wenn ganz kleine, simple Fahrzeugkonstruktionen (z.B. in Polybags) benötigt werden. Auch hier bestehen, wie in den guten alten Tagen, als die City-Autos noch quadratisch, praktisch, gut waren, Fahrzeug und Anhänger insgesamt aus nur wenigen Dutzend Teilen.

Auf dem Bahnsteig gibt es eine Sitzbank für die Figuren, die direkt auf ihren Anschlusszug warten, „beleuchtet“ von ein paar attraktiven, etwas nostalgischen Lampen. Dieses Design setzt sich auch bei den Straßenlaternen am Rand des Modells fort. Kleine Blumenkästen bringen etwas Grün an diese steinernen Kathedralen der Moderne.

Apropos Beleuchtung: Dieses Set habe ich nicht illuminiert, auch wegen der einfacheren Bespielbarkeit für die Kinder. Etwas Beleuchtung sähe aber bestimmt toll aus, allein mit den Straßenlaternen und etwas indirekter Beleuchtung aus den Innenräumen heraus. Sicherlich ließen sich die benötigten Verteiler und Kabel auch ganz geschickt in der Grundkonstruktion verbergen. Hmm, da ich das jetzt so schreibe: Vielleicht muss ich da noch mal ran …

Werfen wir nun noch einen Blick ins Gebäudeinnere – also auf die Rückseite dieses Puppenhauses. Mich stört es gar nicht, dass der Bahnhof hinten geöffnet ist. Von vorn macht er etwas her, von hinten lässt er sich problemlos bespielen.

Ins Vestibül führt eine schmale Treppe, von hier kann man links direkt zum Kiosk abbiegen. Auch hier geschickt arrangiert: Der Kiosk kann die Kundschaft sowohl außen als auch innen bedienen; während nach außen eher Herzhaftes angeboten wird, präsentieren sich nach innen eher gekühlte Desserts. Die Küche ist kompakt mit einigen Schubladen und Schränken sowie dem erwähnten Kaffeeautomaten ausgestattet.

Im rechten Flügel lässt eine gepolsterte Sitzbank (ich weiß nicht, wann ich eine solche zuletzt in der Realität deutscher Bahnhöfe gesehen habe) Platz für drei Reisende, mehr bietet der kleine Raum nicht.

Oben thront schließlich das Büro des Fahrdienstleiters. Auch dieser Raum steckt voller einfacher Details: Ein Schreibtisch mit Lampe, Postablage und Monitor, daneben ein teils geöffneter Aktenschrank. Der Höhepunkt ist hier für mich das doch sehr verdorrte Pflänzchen, aus dem sich noch ein grünes Blatt gekämpft hat; die Bürohengste (und -stuten) unter uns werden sich peinlich ertappt fühlen. An der Wand hängen ein Gemälde – das Porträt von Hartmut Mehdorn wurde offenbar kürzlich durch ein anderes Schiff in stürmischer See ersetzt – sowie ein rotes Telefon; aus dem Fenster hat man einen guten Überblick über die Gleis- und Weichensysteme. Auch hier gibt es ein kleines Augenzwinkern unter dem Dach, denn dort liegen wohl die Rücklagen für kommende Investitionen aus der letzten Fahrpreiserhöhung.
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Veränderungen bei meinem Aufbau

Wenn ihr meine Fotos mit der Anleitung vergleicht, werdet ihr bemerken, dass mir beim Bauen die ein oder andere kleine Änderung wichtig war. Schauen wir sie uns doch kurz an:

Zum einen habe ich mich vom „alten“ 60197 Passagierzug aus dem Jahr 2018 inspirieren lassen und eine Tafel mit einem Liniennetzplan und Abfahrtzeiten aufgestellt. Dafür habe ich einen Sticker (schluck!) verwendet, der aus dem von mir sehr geliebten Xtra-Set 853921 Stein-Aufkleber (mittlerweile EOL) stammt.

Bahnhof Moc 08

Außerdem bin ich von dem roten, etwas britisch konnotierten Stand-Briefkasten abgewichen und habe einen gelben Postbriefkasten neben den Kiosk gehängt. Darauf (und auch auf dem dazuerfundenen Werbeschild für den Kiosk) kleben ebenfalls Sticker aus dem erwähnten Xtra-Set.
Bahnhof Moc 14
Außerdem habe ich mich für einen Taktilen Leitstreifen (das deutsche Eisenbahnvokabular ist ein endloser Quell schönster Wortschöpfungen) für den Gefahrenbereich an der Bahnsteigkante nicht in Gelb entschieden – auch wenn ich kurzzeitig mit Fliesen in Cool Yellow geliebäugelt hatte, weil die u.a. bei den Feuerwehrsets so schön leuchten. Stattdessen habe ich ganz simple weiße Grill-Fliesen verwendet, die die auch für blinde und sehbehinderte Menschen geeignete Bodenstruktur sehr gut treffen.

Apropos Boden: Der durchgeflieste Bahnsteig sieht natürlich sehr klar und ordentlich aus; fürs Bespielen und in einem Kinderhaushalt ist das Balancieren von Minifiguren auf blanken Fliesen für mich jedoch ein Alptraum. Deshalb sind sowohl der Bahnsteig als auch die Innenräume in meinem gebauten Modell etwas noppiger und sicher auch etwas unruhiger. Gewiss könnte man das auch reduzieren oder in ein optisch strengeres System bringen; ich aber mag es, dass es viele Möglichkeiten gibt, Figuren verlässlich zu arrangieren.

Über diese Punkte hinaus habe ich kaum etwas verändert, höchstens mal eine Steinfarbe unauffällig getauscht, falls es trotz zahlreicher BrickLink-Bestellungen doch mal am richtigen Teil mangelte.

Bahnhöfe im Vergleich

Eine Zugstrecke, wie wir sie hier zu Hause für die Kinder und deren Freundinnen und Freude ab und zu aufbauen, besteht für mich mindestens aus mehreren Stationen, sodass Passagiere ein-, aus- und umsteigen können. Im Juni erscheint mit dem 60335 City Bahnhof endlich mal wieder ein Set (trotz vieler Schwächen, die ich sehe), das diesen Namen ansatzweise verdient. Ansonsten gab es in den letzten Jahren (abseits vom 71044 Disney Zug) eher minimale Bahnsteige, etwa beim Hidden Side 70424 Geister-Expresszug oder dem erwähnten Passagierzug. Der letzte veritable City-Bahnhof stammt immerhin aus dem Jahr 2014! Witzig finde ich bei dem allerdings, wieviele Strukturelemente er von seinem gelben Urgroßvater übernimmt.

Wenn man allerdings noch etwas weiter als zum Disney-Zug zurückgeht, gibt es tatsächlich zwei von mir sehr geschätzte Bahnhöfe: den Bahnhofsabschnitt vom 75955 Hogwarts Express (dessen Bahnsteig ich tatsächlich einzeln mehrfach gekauft habe und dadurch nun einen kurzen, aber mehrsträngigen Bahnsteig besitze) von 2018 und der Creator Expert 10259 Winterlicher Bahnhof von 2017, den ich kurz nach dem Kauf in einen Sommerlichen Bahnhof umgebaut habe.

Wenn wir das mitgelieferte Beiwerk weglassen und nur die Gebäude mit ihren Teilezahlen vergleichen sowie den Preis pro Stein der UVP anlegen, können wir folgenden Vergleich anstellen:

  • Bahnsteig vom Hogwarts Express: 193 Teile, 11,2 Cent pro Teil: 21,61 Euro
  • Winterlicher Bahnhof: 580 Teile, 7,8 Cent pro Teil: 45,24 Euro
  • MOC: 1508 Teile, 12,6 Cent pro Teil = 190 Euro
  • [BDP: Studgate Train Station: 4062 Teile, 8,4 Cent pro Teil = 339,99 Euro]

Den vor wenigen Tagen erfolgreich durch die 3. Runde des BrickLink Designer Programs gekommene Bahnhof nehme ich außer Konkurrenz, aber zumindest informativ mit in dieses Zahlenspiel hinein. Da er noch eine Weile nicht ausgeliefert sein wird, ist er auch keine echte Alternative im Moment – auch wenn mich schon interessieren würde, wie er sich neben den anderen Bahnhöfen machen würde.

In der folgenden schematischen Darstellung kann man den drei Bahnhöfen ansehen, dass sie für sehr unterschiedliche Preispunkte erstaunlich ähnliche Querschnitte beanspruchen. Gerade das Gleis 9 ¾ umbaut sehr geschickt Luft und macht aus erstaunlich wenigen Teilen etwas her. Der Winterliche Bahnhof überragt mit seinem Wetterhahn sogar die Kuppel des großen MOCs.

Bahnhof Moc SilhouettenSchauen wir uns aber vergleichend das Volumen der drei Bahnhöfe an (ich verwende hier der Einfachheit halber ein Rendering, zumal ich den Hogwarts-Bahnsteig nur in vervielfachtem Aufbau parat habe), sehen wir schon, wo die vielen Teile des MOCs landen – im Detailgrad, aber auch in der allgemeinen Substanz, Spieltiefe, Innenausstattung und natürlich auch in den Fliesen. Ob euch das Ergebnis den Aufwand und die Kosten wert ist, müsst ihr euch natürlich selbst fragen.

Bahnhof Moc Vergleich

Digital weiterbauen

Wenn ihr über die Anleitung hinaus (die ihr weiterhin hier kostenlos herunterladen könnt) an dem MOC herumbasteln möchtet oder euch erst einmal digital mit dem Modell beschäftigen wollt, nutzt gern meine Stud.io-Datei, denn warum solltet ihr euch die Arbeit noch einmal machen? Auch meine Zusammenstellung der drei Bahnhöfe könnt ihr hier herunterladen.

Fazit

Auch nach anderthalb Jahren freue ich mich immer noch über diesen klassizistischen Bahnhof im häuslichen Spielsortiment. Und klar: „My mistress‘ eyes are nothing like the sun …“ Es gibt sicherlich aufwendigere MOC-Fassaden, farblich raffiniertere LEGO Gebäude, realistischere Grundrisse. Für mich trifft das MOC aber gelungen die Essenz ehrwürdiger Bahnhöfe, die ich in meinem Leben schon gesehen habe – den Bahnhof Leipzig, die Grand Central Station in Manhattan – und ist in meinen Augen eine Wohltat im Vergleich zu den modernen Glas-und-Stahlbeton-Flachbauten der neueren Zeit, egal ob in Deutschland oder der LEGO City. Und ich freue mich, dass ein so altes und auch richtungsweisendes Baustein-Design mit wenigen Kniffen in ein unverstaubtes MOC überführt werden konnte. Überrascht hat mich in der Recherche für diesen Artikel, dass das Original ebenso mächtig daherkommt wie der Neubau – vielleicht auch, weil mir viele ältere Sets oft nicht nur grober, sondern auch kleiner vorkommen als die neueren Sets und MOCs.

Dass es zudem eine kostenlose Anleitung ohne böse (und teure) Überraschungen ist, zeigt für mich einmal mehr, wie kreativ und mächtig die AFOL-Szene ist und wie sie unser Hobby, weit über die Firma LEGO hinaus, bereichert. Daran muss ich immer wieder denken, wenn am Gleis – Achtung, Zugdurchfahrt! – eine Bahn durchrauscht oder die Kinder die Minifiguren beim Umstieg unterstützen, damit sie ja den Anschluss erreichen. In diesen Momenten kann man erahnen, dass die manchmal als etwas stiefmütterlich behandelt eingeschätzte LEGO Eisenbahnwelt vielleicht tatsächlich eine Zukunft hat.

Nun seid ihr gefragt: Wie findet ihr das MOC? Besitzt ihr das Original oder generell Sets aus der 9-Volt-Ära? Habt ihr überhaupt Züge zu Hause und welche Bahnhöfe fahren die an? Und wer hat bei euch die Trillerpfeife im Mund und den Hut auf – die Kinder, oder lasst ihr die Züge heimlich im Hobbykeller fahren? Wir sehen uns in den Kommentaren!

Über David 10 Artikel
Mitte 30, arbeitet in einer bayerischen Kulturinstitution und erkundet mit zwei Kindern die Welt. Hat 2016 durch DUPLO zurück zu LEGO gefunden und 2019 StoneWars entdeckt. Nun baut er die Blauröcke-Festungen und Piraten-Schlupfwinkel, von denen er als Kind geträumt hat.
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